Anfang November, an einem nebligen und grauen Tag, irgendwo in Deutschland. Ich rede mit einer Frau aus Tunesien, die über 30 Jahre in Deutschland lebt, und aus dem Wetter-Smalltalk wird ein kleiner Exkurs in Richtung Wünsche, Hoffnungen und Politik. Wir philosophieren ein bisschen über die Welt und das Jahr: “Vor 2 Tagen gab es in Tunesien viel Regen, und bei den Überflutungen sind viele Menschen gestorben.” – Ich habe davon nichts mitbekommen.
Ich habe von Erdbeben in der Türkei, und von Überschwemmungen in Thailand gelesen. Im Norden Kosovos ist’s aktuell auch wieder recht “heiß”. Gilad Shalit kommt im Austausch gegen über 1000 Palästinenser frei. Gaddafi tot; Libyen hat eine neue Übergangsregierung. Palästina hat bei der UNESCO einen Antrag auf Vollmitgliedschaft gestellt; Israel reagiert und will in den besetzten Gebieten 2000 neue Wohnungen bauen. Angriffe aus, im und in den Gaza-Streifen. Ein Rettungspaket gegen den finanziellen Kollaps Griechenlands wird geschnürt; währenddessen gibt’s Hick-Hack zwischen Nationen und auch innerhalb der Länder; keiner kann den anderen mehr riechen. Griechenland ist pleite und will eine Volksabstimmung über die Annahme oder Ablehnung der finanziellen Hilfen aus dem Ausland durchführen und abwarten. Ausschreitungen nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse in Tunesien. Schäuble wusste früher als er zugibt von Rechenfehlern in Banken und dass diese Banken doch nicht ganz so pleite waren, wie sie vorgaben. Von Konsequenzen daraus habe ich nichts gehört, außer, dass die Staatsverschuldung Deutschlands durch die Korrektur des Rechenfehlers um 2,6% zurückging. Danica May Camacho, der 7 Milliardste Mensch, wurde auf den Philippinen geboren und erhält mit der Geburt ein Stipendium. Fukushima und die Kernspaltung – Untertitel: jetzt doch. Assagne darf ausgeliefert werden. Afghanistan-Konferenz in Istanbul. Eine britische Studie findet raus: September-Kinder sind Glückskinder. – Und so weiter, und so fort.- Kurz gesagt: Tunesien schien ziemlich von der Landkarte der die-Umwelt-spielt-verrückt-und-die-Menschen-müssen-leiden-Berichterstattung verschwunden zu sein. Gibt ja genug anderes zu schreiben, selbst, wenn es nur um quersitzende Brösel in den Kehlen der Börsenvorstände geht. Bitter finde ich, dass auch die Kosovo-Lage nur noch wenig Beachtung findet. Der Brösel im Hals scheint den Medien unendlich viel wichtiger zu sein.
Darum wusste ich von nichts und mit Tunesien assoziiere ich zunächst einmal den “Arabischen Frühling” und damit “Umbrüche”. Dass ich 2011 als “Welt im Umbruch” sehe (nicht nur in Bezug auf die Politik und Gesellschaft), kommuniziere ich auch. Sie bestätigt dies und meint: “Ja, 2011 hat’s uns gezeigt.” Ich meine daraufhin: “Ich hoffe nur, dass die Umbrüche zu etwas Besseren führen”, und denke mir: “und ein kleines bisschen Frieden wäre auch nicht schlecht.” Ein klein wenig um- und nachdenken, öfters mal über den eigenen Tellerrand gucken und generell mehr Toleranz walten lassen, wäre etwas, was ich ernsthaft begrüßen würde. Vielleicht ändert sich dann was – zum Guten.