Nun sitze ich also wieder hier. Hier, zuhause. Als ich Würzburg durch die Frontscheibe meines Autos sah, fühlte ich mich spontan wieder eingesperrt. Ich fuhr durch die Stadt, einmal den Stadtring lang zur Wohnung, die ein Stückchen außerhalb von Würzburg liegt. Tempo 80, an der Ampel halten, links abbiegen, scharfe Rechtskurve, 500m geradeaus fahren, rechts, 50 m, rechts, in 25m halten. Parken. Aussteigen.
Als ich auf dem Parkplatz stand, kam mein Auto und mein Körper in Würzburg an. Ich versuchte den Geist mit nach Würzburg zu transportieren, aber er ging wohl irgendwo auf der Strecke verschütt’. Vielleicht holt er mich ja ein, wenn ich eine Runde um den Block spaziere. Eine recht kühle Augustnacht. Sommer. Die Grillen zirpen, die Bahn fährt, die Autos hört man auch vorbeifahren. Ich gucke in den Himmel und entdecke den “großen Wagen”. Schön. Ich laufe. Die selbe sterile Beleuchtung der Straßenlaternen wie immer. Ich gehe weiter. Der Teich ist auch noch da. Ich nähere mich der Staatsstraße. Verkehrslärm, nachts um 22.15 – laufe weiter. Komme nicht an. Flüchte in die Wohnung eines Freundes – oder doch nur eines Bekannten? – Ich weiß es nicht. Er gewährte mir Asyl. Ich wollte noch nicht in meine eigene Wohnung. Es wartet ja eh keiner. Kein Freund, kein Mann. Eine leere Wohnung. Einzig und allein die Wellensittiche und der Hamster können mich vermissen; die können mich aber nicht umarmen.
Später irgendwann. Der Antrag auf Asyl wurde abgelehnt, ich wurde abgeschoben. Ich bin dann doch in meine eigene Wohnung gegangen. Die Schritte erfolgen automatisiert. Mein Körper kennt die Treppe, die Türe, die Wohnung. Ich öffne die Türe zu meiner Wohnung und mir schlägt der leicht muffige Geruch einer Wohnung, in der seit 1.5 Wochen kein Mensch mehr für Stunden gelebt, gekocht und gelüftet, sondern nur Wäschne getrocknet hat, entgegen. Ich gucke mich um, orientiere mich neu, immerhin war ich hier schon länger nicht mehr. Wo kann ich wohl meinen Rucksack und die Tasche hinstellen? – Ach hier, in die Küche. Dort ist noch Platz. Hotelzimmer-Feeling in der eigenen Wohnung. Ich starre gegen kahle Wände. Lebt hier jemand? Was das wohl für ein Mensch ist?
Das Auto ist inzwischen ausgeräumt. Der große Tourenrucksack, die Sporttasche und die Reisetasche stehen in der Ecke der Küche. Das Laptop ist wieder an meinen Arbeitsplatz gewandert. Das Kindle liegt daneben. Der Rucksack für die Arbeit ist gepackt, Brot+Obst ebenso. Ich bin angekommen und marschfertig. Wohin soll’s denn gehen? – Mein Tourenrucksack ist voller frischer Kleidung, muss ich ihn wirklich auspacken? – Ich fürchte ich muss. Mach’ ich morgen.
Ich setze mich aufs Bett. Ich klappe das Netbook auf, boote das Betriebssystem, starte den Browser. Ich klicke im Browser als erstes auf “Ort wechseln” in der Add-On-Leiste, damit mir ab sofort wieder die Wetterdaten von Würzburg angezeigt werden. Mein Netbook ist angekommen, ich immer noch nicht.
Ich kann noch nicht schlafen. Mein Kopf ist voller Gedanken. Ich denke: “Mein Bett in meiner Wohnung. – Ich könnte auf irgendeinem Bett in irgendeinem Hotelzimmer sitzen und tippen.” In Kroatien, in Neuburg, in Ingolstadt, in Ulm, in Würzburg, in Effelsberg, in Berlin, in Nürnberg, in New York, in Sydney, auf einer Forschungsstation am Südpol, auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik. Überall wo es Internet hat, könnte ich auf einem Bett sitzen, in die Nacht vor meinem Fenster gucken, und dabei das Zimmer von einer Nachttischlampe erhellt haben und diesen Text schreiben. Überall. Die Orte sind austauschbar. Bin ich es auch? Und wo gehör’ ich hin? Wo bin ich zuhaus’? – Ich kenne die Antworten nicht. – Oh, das Internet ist hier natürlich besser. Youtube-Videos laden schneller. Eine tolle und sehr nützliche Erkenntnis, nachts um kurz nach 1. Wirklich.
Nur so am Rande: ich habe mir eine Freifahrt mit der Deutschen Bahn erfahren, sagt die E-Mail, die mir den aktuellen Prämienpunktestand mitteilte. Noch wenige hundert Punkte, und ich darf mir eine kostenlose Hin-und Rückfahrt in die europäischen Nachbarländer aussuchen. Hui, dabei war ich doch noch garnicht Besitzer der Bahncard, als ich nach Berlin reiste.
Und irgendwer in dieser Wohnanlage schnarcht gerade. Vermutlich mehrere, aber einen höre ich gerade.