Vorweihnachts-Newslettersintflut

November 17th, 2011 || 4 comments || permalink

Newsletter, Spam und dergleichen schlägt bei mir derzeit mit einer Wucht ein wie nichts Gutes. Newsletter, die Kopfkino auslösen und den Zynismus ins Unermessliche anschwellen lassen. Das kann man vergleichen mit Wasser im Topf. Irgendwann, wenn es genug kocht, will das Wasser aus dem Topf und kocht über. So ähnlich geht’s mir mit Frust, Zynismus und ab und zu die-Welt-ist-seltsam-und-ich-erkläre-sie-aus-meiner-Perspektive-Anfällen…

Wir müssen mehr konsumieren. Für den wirtschaftlichen Aufschwung und so. Damit es uns allen besser geht. V.a. der Wirtschaft. Oh ja, die Wirtschaft. Ansonsten sterben wir alle. Weil die Wirtschaft! Das Wirtschaftswachstum darf nicht einbrechen. Nein, wir müssen es fördern. Deswegen: kauft, Leute! Kauft! Kauft euch Scheiß, den ihr nie wieder braucht, an den ihr euch überhaupt nicht mehr erinnert, sobald ihr ihn ausgepackt und in der Schublade verstaut habt. Gebt ihm die Möglichkeit sein trostloses Dasein in einer Schublade, statt im Inneren eines Kartons zu fristen! Lasst ihm zwischen “auspacken” und “in Schublade verstauen” zwei Sekunden Zeit um das Licht der Welt zu erblicken, bevor er in der Schublade verstauben muss! Seid nicht herzlos! – Los, los, zieht in den Kampf und KAUFT!!!

Ungefähr so muss der kleine blaue Mann (vgl. 30 Rock, Season 1, Episode 07), der in den Köpfen der Menschen, die einem derzeit in den Fußgängerzonen dieses Landes auflauern/über den Weg laufen/hektisch und wild-mit-den-Armen-voller-Einkaufstaschen-wedelnd vor die Füße rennen, herumspukt, wohl sprechen. Jeder Muezzin muss vor Neid erblassen, denn der blaue Mann muss im Vergleich zu einem Muezzin wohl mit einer geschätzt mindestens fünfmal höheren Lautstärke seine Botschaft in die Welt brüllen, zumindest dem Verhalten der Menschen nach zu urteilen, die wie fremdgesteuert durch die Fußgängerzonen hetzen.

Fremdgesteuert sind sie auch, denn die Werbebotschaftstrommel wird seit Wochen, sogar Monaten geschlagen. Jetzt, etwa vier Wochen vor Weihnachten, wird sie lauter, und lauter und LAUTER und LAUTER. Jedes Mal, wenn ich meinen E-Mail-Client starte, kann ich mir fast sicher sein, dass mir irgendein netter Marktschreier Newsletterschreiberling Newsletterautor seine Werbebotschaft entgegenschreit. KAUFEN-SIE-JETZT! NUR-HEUTE! SUPERSONDERANGEBOT! EINMALIG! UNGLAUBLICH! EINZIGARTIG! NUR HIER! WELTNEUHEIT!

Bei vielen scheint die Botschaft zu münden, bei mir löst dieses laute Getöse nur aus, dass ich mich zurückziehe, zynisch werde, mich auf die Nach-Weihnachtszeit freue und meinerseits die Botschaft in die Welt schrei(b)e:

Um Himmels Willen, Leute, kauft! Morgen geht die Welt unter! Kauft, bevor euer Nachbar euch das beste wegschnappt! In Zeiten wie diesen könnte es ja sein, dass morgen kein Nachschub an Ware geliefert wird! Und wenn klein-Maximilian-oder-anderes-aufsässiges-Kind-mit-Modenamen nicht alle 93 Wünsche seines Wunschzettels erfüllt bekommt, dann geht erst recht die Welt unter. Für die Eltern spätestens dann, wenn Maximilian unterm Weihnachtsbaum sitzt und flennt, als hätte ihm jemand den Arm umgedreht. Für die Großeltern spätestens dann, wenn des Maximilians Eltern mit ernster Miene am 1. Weihnachtsfeiertag am Tisch vor der Weihnachtsgans sitzen und die bedeutungsschwangeren Worte: “Lasst uns mal demnächst darüber reden” von sich geben. Dann hängt der Haussegen schief und es müssen in mühsamen Verhandlungen und unter Darbietung sämtlicher Konfliktbewältigungsstrategien, die die Welt so kennt, die Wogen geglättet werden. Also, KAUFT – und vergesst auch den Adventskalender, sowie die Lekkerlie-in-Plätzchenform für euren kleinen Kläffer, euer niedliches Schoßhündchen, euer Zuckerpüppchen, eueren Trendhund 2011, eueren Allerliebsten, euren euch treu ergebenen besten Freund euren Hund nicht. Sonst isst Püppi bestimmt gaaaaaanz traurig und euch plagt monate-, wenn nicht gar jahrelang ein schlechtes Gewissen, weil ihr im Jahr 2011 Püppi keinen Präsentekorb unter den Baum gestellt habt! Um Gottes Willen! Vielleicht denkt ihr ja auch noch an einen Gutschein für Püppi: Hundeyoga soll da ja ganz, gaaaaanz toll sein, v.a. für die moderne Hundedame von heute! Das Energielevel und die innere Balance – gaaaanz wichtig! Hach! Oder doch lieber ein rosarotes Leoparden-Mäntelchen, vielleicht noch mit einer Brosche oder Schnalle mit Swarkovski-Kristallen?

Ich gucke euch dabei derweil zu, lehne mich entspannt zurück, und amüsiere mich darüber, wie ihr Geld für Zeug ausgebt, das ihr eigentlich überhaupt nicht braucht/wollt/das überflüssig wie ein Kropf ist und dann hinterher darüber jammert, dass

  1. das Leben in der heutigen Zeit ja immer teurer wird,
  2. Kinder immer unzufriedener, anspruchsvoller, und teurer (im Unterhalt) werden,
  3. ihr immer weniger Geld in der Tasche habt und jetzt das ganze Jahr sparen müsst.

Ich lache und überlege, ob ich nicht heimlich still und leise ein zweites Standbein als Schuldenberater/Finanzcoach aufbauen möchte. Es könnte sich lohnen, so langfristig betrachtet. Ein nicht unbedeutender Teil der Gesellschaft scheint nämlich immer -ähm- konsumorientierter zu werden; diplomatisch forumuliert jetzt.

Weihnachtsstatistik und Adventskalender für Tiere

November 9th, 2011 || 0 comments || permalink

Gestern Morgen im Radio gehört, dass die Galeria Kaufhof eine Umfrage durchführen ließ, was sich die Deutschen zu Weihnachten dieses Jahr wünschen. Die Liste überrascht:

  1. Gesundheit
  2. Frieden
  3. Nichts (Spezielles)
  4. Auto
  5. Harmonie

Eine Studie, zum gleichen Thema, die auch interessant ist, ist diese hier.

Und wenn wir gerade bei Weihnachten sind: seit heute weiß ich, dass es auch Adventskalender für Tiere gibt. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, wenn es Menschen gibt, die am Rande des Existenzminimum leben müssen, und es gleichzeitig Adventskalender für Tiere gibt?!

Diese Kalender gibt es – einer Googlesuche nach zu urteilen – schon ein paar Jahre, d.h. es muss also einen Markt dafür geben. Angebot und Nachfrage und so Dinge. Dass dieses Angebot entwickelt wurde, kann man sehen wie man will, aber dass es Menschen gibt, die durch die Nachfrage dazu führen, dass es nicht ausstirbt, finde ich – diplomatisch gesprochen – höchst bedenklich.

Vielleicht sollten diese Leute sich mal überlegen, was man statt Geld in einen Leckerli-Kalender für Tiere zu investieren, mit eben diesem Geld noch anstellen könnte. Mal abgesehen davon, dass die Verpackung, gemessen am Inhalt solcher Kalender, in keinem guten Verhältnis steht: viel Müll, wenig Inhalt.

Aber immerhin geht’s hier ja um Fluffi-Hutzi-Gutzi-von-der-wohlgeborenen-Hündin-Madame-von-Trutzingen. Modehund-2011-oder-wann-er-angeschafft-wurde! DEM muss man doch eine Freude zur Vorweihnachtszeit machen, und natürlich erst recht zu Weihnachten! Hach, dieses Hundemäntelchen mit Leopardenmuster aus dem Katalog! Hach! Er wird so glänzende Augen vor Freude haben, wenn er die sieht! – Setzen, Sechs. Es ist immer noch ein Hund (oder eine Katze, oder ein Hamster, Meerschwein, oder was auch immer), kein Mensch. Ob das Leckerlie aus der 250 g-Packung Lekkerlies kommt, oder aus ‘nem ollen Adventskalender ist ihm sowas von egal und zum Thema Jäckchen: ich empfehle weniger Besuche beim Hundefriseur, dann wächst ihm ein Fell und er friert im Winter auch nicht.

Ich ordne diese Adventskalender für Tiere-Aktion in die selbe Schublade wie Hunde-Yoga/Doga ein: dämlich, überflüssig, Ressourcenverschwendung in vielerlei Hinsicht, garantiert für hippe und etwas [beliebig-abfälliges-Wort-deiner-Wahl-hier-einfügen] Großsstädter gemacht.

Wegwerfelektronik

August 22nd, 2011 || 11 comments || permalink

Mal wieder ein Eintrag aus der Kategorie: “öfters mal gepflegt abkotzen”. Anlass: Ich mag Smartphones nicht.

OK, gut, ich mag Smartphones, aber ich mag das Drumherum nicht, v.a. wenn es um Apple-Produkte geht. Alle Nase lang wirft Apple ein neues iPhone auf den Markt, und alle stürzen sich darauf. Das “alte” Gerät (manchmal ist’s tatsächlich sogar schon ein (in Zahlen: 1) Jahr alt) wird entsorgt, verkauft oder an den ungeliebten 14-jährigen Cousin verschenkt. Kurz: das Gerät wird abgeschoben. Man will ja das Image des “hippen Trendsters”, der immer die neuesten Gadgets besitzt und jeden Hype mitmacht, aufrecht erhalten. Is’ scho’ klar, dass man da natürlich quasi jedes Jahr ein neues Smartphone braucht. Ich will jetzt nicht nur auf Apple herumreiten, Samsung und Co. mit den unüberschaubaren Produktpaletten sind da nicht wesentlich besser. Und dann alle Nase lang irgendein unausgegorenes Stück Software “mit neuen Features” nachschieben.

Technisch unausgereifte Soft- und Hardware wird live und in Farbe am Kunden erprobt, bis dieser so lange jammert und nölt, bis die Entwickler sich erbarmen, die Bugs beseitigen und manchmal sogar tatsächlich neue Features nachliefern. Is’ doch Klasse: ein Konzern spart sich Tests (Usability z.B.), Kundenbefragungen usw. und ‘ne ganze Horde von Leuten stürzt sich drauf. Klasse, wenn Marketing so gut funktioniert. Aber gut, wir leben ja in einer “schnellen” Gesellschaft (mir würden an dieser Stelle viele, viel treffendere Worte, die die Gesellschaft beschreiben, einfallen) und dieses Konsumverhalten ist nur ein Ausdruck unserer Einstellung der Welt gegenüber: bei Gefallen konsumieren. Wenn’s nicht (mehr) gefällt oder (zu) unbequem ist oder oder oder, wird’s abgeschoben, entsorgt. Trifft nicht nur auf den Konsum von Geräten, sondern auch von Beziehungen aller Art zu. – Dämliche Oberflächlichkeit.

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