So langsam scheine ich wieder hier in Würzburg anzukommen. Das Fernweh packt mich immer noch, beinahe täglich, aber ich gebe ihm seltener nach – ich kenne inzwischen schon zu viele Strecken in Mainfranken auswendig, sie sind also auch nicht mehr neu und spannend. Dann kann ich mir den Sprit auch sparen.
Ich habe mal eben nachgeguckt: 10 von 12 Wochenenden müsste ich seit Anfang August “weg” gewesen sein, also nicht in Würzburg. Huch, so viel! Die Zahl hat mich selbst überrascht. Was ich – jetzt, da ich mal so ca. 1,5 Wochen am selben Fleck lebend – nicht vermisse ist das Packen. Es tut gut mal aus der Pack-Routine auszubrechen. Kein “Sonntagabend heimkommen, Klamotten aus dem Rucksack, rein in die Waschmaschine, am nächsten Morgen Waschmaschine anschalten und programmieren, nach der Arbeit die frisch gewaschene Wäsche aus der Maschine nehmen, aufhängen, trocken lassen und dann wieder in den Rucksack stopfen” mehr. Für ein paar Wochen zumindest, dann fahre ich mal wieder zu meinen Eltern.
Das, womit ich allerdings immer noch Probleme habe, ist die Mentalität, die hier vorherrscht. An die habe ich mich immer noch nicht wieder gewöhnt. Neulich habe ich in dem Reisebericht “Die Stille ist ein Geräusch – Eine Fahrt durch Bosnien” von Juli Zeh diese Zeilen (S.94) gelesen:
“Seit Tagen gelingt mir nicht mehr, das Böse als Ausnahme von der Regel des Guten zu begreifen. Unterschwellig wächst die Angst, irgendwann zu verstehen und nie wieder vergessen zu können, nicht mehr in der Lage zu sein, ins eigene Leben zurückzukehren. Aus Versehen könnte ich Mitglied werden bei jenem kleinen Verein von Menschen, die sich unablässig die Welt anschauen, zusehen, wie alles grundlos zwischen Gut und Böse pendelt. Als Beobachter und Boten des Unerhörten werden sie zu Einzelgängern, die sich mit Familie und besten Freunden nicht mehr verstehen. Auch untereinander haben sie nicht viel gemeinsam. Sie liegen in kleinen Hotelzimmern in allen Teilen der Welt und lesen in Büchern, die solche wie sie für solche wie sie geschrieben haben. Niemand sonst würde das freiwillig lesen.”
Das, was mich davon abhält, als ein solcher einzelgängerischer Weltenwander zu enden, ist die Tatsache, dass ich weder ein Politik- noch ein Journalismusstudium habe und auch keine Ausbildung zum Dokumentarfilmer oder -fotografen habe. In irgendwelchen exotischen Dingen wie beispielsweise Orientalistik, oder Friedens- und Konfliktforschung bin ich auch nicht ausgebildet. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwann, eines fernen Tages, tatsächlich mal wieder in meinem Leben ankommen könnte. Vielleicht.
Das Bett wollte mich nicht aufstehen lassen. Ich starrte eine halbe Stunde an die Zimmerdecke. Sie ist auch schön, die Decke. Irgendwann ging der Radiowecker los. “Und Stefan Raab hat heute Geburtstag.”, waren die ersten Worte, die ich vernahm. Dann kam dieses furchtbare “watte hadde dudde da”-[Ja, was ist das denn eigentlich? Ich weigere mich es als Musik zu bezeichnen]. – Dies war mein Kickstart in den Morgen. Fluchtartig verließ ich das Bett, um den Radiowecker auszuschalten.
Irgendwann, eine große Tasse Kaffee später, wagte ich mich raus aus der Wohnung, in das feindliche Grau-in-Grau. Dann hat mich das Fernweh gepackt. Ich setzte mich in mein Auto und fuhr los, der Nase nach die Straße “Richtung Karlstadt” entlang. Ich habe ja flexible Arbeitszeiten, kann ich auch mal nutzen.
Keine Musik im Radio, und keine Musik meines USB-Sticks will mir gefallen – also fahre ich mit einem mich anschweigenden Autoradio durch die Gegend. Keine Musik und Stille der Gedanken – auch mal angenehm. Die letzten Tage waren aufwühlend. Ich fühle mich ein klein wenig wie ein rohes Ei; auf meiner Stirn sollte ein Aufkleber “handle with care” kleben. Stille und manchmal auch Einsamkeit um mich herum ist toll.
Fränkische Dörfer begegnen mir unterwegs. Fränkische Dörfer. Ich suche immer noch automatisiert die Häuser nach Einschusslöchern und die Straßen nach Mienenwarnschildern ab. Ich finde keine und bin froh darüber.
Irgendwo im Nirgendwo, besser bekannt als “Müdesheim”. Müdesheim liegt zwischen den weltbekannten gefühlte-150-Seelen-Orten “Halsheim”, “Reuchelheim” und “Dattensoll”. Willkommen mitten im fränkischen Nirvana. Eine einzelne, ausgebüchste Henne tritt auf die Straße, oder vielmehr: das Huhn guckt erstmal nach links, legt den Kopf schief und scheint nachzudenken. Offensichtlich schätzte mich diese Henne als ausreichend ungefährlich ein: sie setzte erst das eine, dann das andere Bein auf die Straße; der schwere Hennenkörper plumpste währenddessen irgendwie mit. Schwerpunktverlagerung bei Hühnern sieht dämlich aus. Anders gesagt, fällt mir auf, dass ein Huhn, das sich in zwei Schritten von einer Bordsteinkante bewegt ungefähr so elegant aussieht, wie ein Wal, welcher sich wie ein Delfin fühlen will und deswegen versucht elegant wie ein Delfin zu springen: es klappt so einfach nicht. Seit heute morgen weiß ich: Hühner plumpsen auf die Straße, wenn sie den Gehweg verlassen. Sie können nämlich nicht anders. Schwerkraft-die-den-schweren-Hennenkörper-zu-Boden-zieht und so.
Ich musste unweigerlich an eine Henne, die versucht sich in Kampfkunst (“Martial Arts” und so) zu betätigen, denken. Ich bin mir jetzt fast sicher, dass eine Henne in einem Gi unglaublich dämlich aussähe. Wenn eine Henne in einem Gi jedoch versuchen würde, mit ihren Beinen akrobatisch anmutende Kicks in Richtung Kopf-des-Gegners auszuführen, würde dies noch viel schlimmer aussehen. Mal abgesehen davon, dass ein Huhn wohl nur eine mögliche Richtung kennen würde, würde es sich an Kicks versuchen: nach unten, aufs Gesäß – “padauz!” – Da ist sie wieder: die Wirkung der Schwerkraft in Kombination mit diesem riesigen (im Vergleich zu den Beinen) Hühnerkörper. Booook!
Weitergefahren. Jetzt weiß ich, dass ich mir mal die Vogelalm bei Arnstein angucken muss. Außerdem muss ich so Käffer wie Rimpar mal zu Fuß entdecken. Karlstadt – durch das ich nicht durchgefahren bin – muss ich auch mal per Fuß entdecken. Den Gramschatzer Wald, sowie den Kletterwald Einsiedel muss ich auch mal besuchen. Außerdem muss ich mal wieder nach Gemünden, und zwar zur Weihnachtszeit. Ich bin vor zwei oder drei Jahren schonmal zur Weihnachtszeit durchgefahren: es war eine Beleuchtung in Form einer Kerze an der Scherenburg, die über der Stadt trohnt, befestigt. Ausgestiegen bin ich nicht, und den Weihnachtsmarkt habe ich nicht besucht – sollte ich mal nachholen. Dann, in der Vorweihnachtszeit.
Weitergefahren. Ich nähere mich der Destination. Unterwegs fällt mir ein Klapprad auf, an dessen Lenker mit viel Klebeband ein Rennradlenker befestigt wurde. Rot-gelbes Klebeband, das zwei so unterschiedliche Komponenten zusammenbringt und -hält. Es will einfach nicht passen; erst recht nicht in den mit Weinreben bewachsenen Hinterhof eines unterfränkischen wenige-Seelen-Kaffs.
Die Bundeswehrfahrzeuge/-konvois, die mir unterwegs begegnen, wollen auch nicht so richtig hierher passen. Ist über Nacht Krieg in Deutschland ausgebrochen, und ich habe von alldem nichts mitbekommen? – Ich will es doch nicht hoffen. Am Ende finde ich sonst noch irgendwo im Nirgendwo Einschusslöcher. Die Welt hat doch bereits jetzt zu viele Häuser und Menschen, die von Kriegen gezeichnet sind. Sie braucht nicht mehr davon und jedes weitere niedergebrannte, zerschossene oder bombadierte Haus ist eines zuviel. Von den Menschen will ich garnicht erst anfangen zu reden, denn dazu finde ich keine Worte.
Auf der einen Seite bin ich immer noch nicht angekommen – in Deutschland im Allgemeinen und in Würzburg im Speziellen. Auf der anderen Seite jedoch bin ich wieder voll und ganz hier: ich gehe hier einkaufen, wasche meine Wäsche, schlafe immer im gleichen Bett, arbeite, und kämpfe mit den Mühen des Alltags. Soweit bin ich also hier.
In Gedanken bin ich immer noch weit weg. Ich muss mich erst wieder an Deutschland gewöhnen, glaube ich. Deutsche Supermärkte z.B. haben den Nachteil, dass ich jedes Wort verstehe – blöderweise auch 08/15-Smalltalk zwischen viel zu “hippen” Leuten. Da wird dann schonmal darüber geprollt, dass man ja ‘nen Kumpel hätte, der ‘nen Ebay-Account hat. So, als wäre das jetzt was besonders Großartiges. – Ich habe mich innerlich ein klein wenig gewunden.