Ich werde Winamp öffnen und mir wird die Playlist mit ganz viel Moby entgegenspringen. Ich werde die Playlist durch was meiner Stimmung entsprechenderes ersetzen. Nein, heute ist kein “Moby-Tag”. Heute ist mir die Musik von Moby zu ruhig, denn ich bin mit dem falschen Bein aufgestanden. Eigentlich nicht wirklich aufgestanden, sondern eher “mit dem falschen Bein aus dem Bett gesprungen”, denn ich war froh, als ich die Augen öffnen konnte und dieser Alptraum vorüber war. Ich würde ihn nicht als Splatter klassifizieren, sondern eher irgendwas zwischen Psychoterror oder Horror. Kopfkino und Fantasie sind scheiße, wenn’s unangenehm wird.
Raus, raus – ich muss nur raus. Raus aus dem Bett mit dem Alptraum. Rein ins Bad. Ich klatsche mir eiskaltes Wasser ins Gesicht. Mehr davon! Mehr kaltes Wasser! Jetzt! In mein Gesicht! Oh du süße Routine. Kaltes Wasser macht wach. Ich sehe immer noch aus wie ein Zombie. Heute bloß nicht die Brille absetzen. Die schwarzen Ränder der Brille lenken ganz gut von den schwarzen Kratern unter den Augen ab. Mondkrater könnten nicht tiefer sein, doch könnte es ruhiger sein – dort, auf dem Mond. Ruhe und Frieden, was ein Luxus. Er wird mir nicht gegönnt. Nicht heute.
Denn heute ist mal wieder einer der verdammten Tage, an denen eine Geschichte, die sich vor Jahren ereignete, in den Knochen steckt, und ich gerne den Boxsack bearbeiten oder laufen würde, bis ich vor Müdigkeit und Erschöpfung umkippe. Stattdessen muss ich im Büro sitzen, und gute Mine machen. Schauspielern ist was Feines. Am Ende des Arbeitstages wird es keinem aufgefallen sein, dass ich ‘nen schlechten Tag hatte. Ich bin ja ruhig, kontrolliert – wie immer – vielleicht ein bisschen nachdenklicher und weniger lachend. Kann ja mal passieren. Aber keiner wird ahnen, dass ich vor Wut koche. Die Wut (be)trifft ja auch nicht die Kollegen. Wieso sollte ich also sie die Wut spüren lassen, die haben mir ja nichts getan. Die Person, der meine Wut gilt… – lassen wir das. Manche Gedanken spricht man besser nie aus. In dieser Geschichte handelt es sich um einen solchen Fall.
Dennoch: es ist etwas schwierig ruhig im Büro zu sitzen, wenn man a) grauenhaft schlecht geschlafen hat (“Hallo Alptraum, war echt ‘ne tolle Nacht mit dir, aber ich will dich nicht wiedersehen!”), und deswegen hundemüde ist, b) voller Wut ist, c) es einem speiübel ist, man Kopfschmerzen hat, und ) man einfach nur den Wunsch verspürt einen armen, unschuldigen Boxsack zu bearbeiten – oder zu rennen bis jede einzelne Muskelfaser des Körpers schmerzt. Stattdessen werde ich stundenlang im Büro mit Kopfschmerzen und Übelkeit rumsitzen, zur Bewegungslosigkeit verdammt. Wut lodert immer noch wie eine kleine Flamme tief in mir.
Alles nur wegen eines Traumes, der wegen einer Geschichte aus der Vergangenheit, entstand. Weil man nicht weiß, was in manchen Menschen vorgeht, und v.a. noch vorgehen wird. Weil man nie weiß, ob diese Geschichte irgendwann wieder aktuell wird. Weil ich mein Leben lang mit dieser Geschichte leben muss. Weil ich noch nicht vollständig gelernt habe damit zu leben. Weil ich nicht weiß, ob man überhaupt jemals lernen kann damit zu leben. Weil zuviel passiert ist. Weil ich nicht weiß, was passieren würde, wenn diese Geschichte wieder aktuell werden würde. Ich will es nie rausfinden müssen; ist bessser so. Vielleicht, vielleicht, vielleicht verblasst die Geschichte irgendwann wie eine längst vergessene Erinnerung an einen Sommertag des Jahres 1987 . Vielleicht – irgendwann. Ich hoffe es. Bis dahin muss der Boxsack und die Kalorientierchen, die ich beim Sport umbringe, dran glauben. Mit den Kalorientierchen habe ich kein Mitleid – die überflüssigen solchen sollen ja eh weg.
In ein paar Stunden dann zum Sport. Endlich. Mit aggressiver Musik auf den Crosstrainer oder aufs Mountainbike. Ich freu’ mich drauf. – Danach in aller Ruhe kochen und hoffentlich runterkommen.
Ich kenn mich damit nicht aus, aber vielleicht solltest du über Geschichten, die du vergessen willst, nicht so viel nachdenken und sogar schreiben. Halt versuchen schnell ein anderes Thema zu finden. Ich wünsch es dir.
Nicht darüber nachdenken wäre so ca. das Verkehrteste, was man tun kann. Man nennt es auch “verdrängen”. Das ist so ähnlich als wenn man beim Zahnarzt mit ‘nem Hammer auf den Fuß schlägt, damit der Patient von seinen Zahnschmerzen abgelenkt wird. Die Zahnschmerzen bleiben, aber er kriegt’s nicht mehr/weniger mit, wenn der Fuß schmerzt. “Gefühle kommen irgendwann zurück”, auch wenn man versucht durch Ablenkung usw. diese “beiseite zu schieben”. Im schlimmsten Fall können sich verdrängte und ausgegliederte Konflikte “später” zu einer ausgewachsenen psychischen Störung manifestieren, und darauf habe ich keine Lust
Außerdem habe ich keine Lust auf weitere Alpträume (dieser Sorte). Im Schlaf verarbeitet die Psyche ja, und wenn ich “im Wachleben” Gefühle verdränge, lege ich den Grundstein für weitere Albträume – nicht gut
Darüber zu reden, zu schreiben etc. ist dagegen sozusagen ein Teil des “verarbeitens”. Man lernt Gefühle zuzulassen, auszuhalten, neu zu bewerten. Wenn man das immer und immer und immer wieder tut, verändern sich die Gefühle stückchenweise. Es ist ein fließender, schleichender, langsamer Prozess (je nachdem, wie intensiv die Gefühle z.B. sind), aber der gesündere Weg. Das ist im Übrigen wie Psychotherapie funktioniert. Ich spare mir Therapie und missbrauche lieber mein Blog als virtuellen Boxsack, wenn ich heute morgen schon nicht wild auf einen realen ebensolchen einschlagen konnte.
Ach ja, die Wut-Gefühle, die ich jetzt habe, sind bereits ein Fortschritt, denn lange Zeit herrschte (und herrscht teilweise immer noch) primär ein anderes Gefühl vor. Dieses “damals” primär vorherrschende Gefühl ist auch rational nicht vollständig unbegründet, v.a. “damals” war’s das nicht. Tja. Nun. Vielleicht wird’s die nächsten Jahre irgendwann wieder vollständig normal. Wenn alles ruhig bleibt/sich die Situation nicht wiederholt.
“Lustigerweise” kann ich mir übrigens erklären, wodurch dieser ganze Albtraummüll entstanden ist. Ich habe es neulich noch scherzhaft “die Büchse der Pandora wurde geöffnet” genannt. Aber ehrlich gesagt tut’s gut die Wut mal raus- und zuzulassen, denn dazu hatte ich lange Zeit nie die Gelegenheit, so wie ich es seit Neuestem habe. Nur hätte ich ganz gerne trotzdem keine Albträume
Naja, geht auch vorbei. Es gilt halt jetzt die Wut in “produktive” Bahnen zu lenken. Sport/Austoben und mal nicht “die ruhige, schüchterne, introvertierte” sein kann da gut helfen. Ich habe ja mein “Ventil” (sagte ich schon was von “Sport”?)
Achja, nach dem Sport und ‘ner Dusche geht’s übrigens wieder deutlich besser. Kopfschmerzen sind zu Ende, übel ist mir auch nimmer, und ich bin angenehm ruhig und bettreif. Nu’ noch ‘n Tässchen Tee, ‘n bisschen lesen und die Welt ist wieder vollauf in Ordnung
Dein Kommentar ist ja schon wieder ein eigener Artikel.
Also Sport ist ja nun so gar nicht meins.
Aber ich verstehe. Wenn du die Sache noch nicht abgeschlossen hast, musste das natürlich erst klären bzw. verarbeiten. Danach kannste es dann vergessen und begraben. Wichtig ist halt, irgendwann die Dinge zu einem Abschluss zu bringen und einen Punkt zu setzen.
Und um deine Frage zu antworten: Ja, du sagst sehr oft Sport. Finde ich erschreckend. Haste denn keine bequeme Couch?
Sport ist gut, toll, großartig und überhaupt. Doch, ich habe eine bequeme Couch. Nutze ich auch gerade.