Genießen Sie das Leben in vollen Zügen

November 14th, 2010 || 0 comments

Bahnfahren ist immer wieder ein Erlebnis. Ich stelle es immer wieder fest, wenn ich die beschissene Strecke zwischen Würzburg und meinen Eltern zurücklege. Meist ist das ganz ok. Die Züge sind voll, aber nicht brechend voll. Anders heute: heute um 18:05 in Ingolstadt abgefahren, und rechtzeitig beim Zug gewesen, d.h. einige Minuten vor Abfahrt. SÄMTLICHE Sitzplätze waren belegt. Wirklich alle.

Was bei der Bahn ja heißt: entweder man findet irgendwo auf dem Boden einen Sitzplatz oder irgendwo einen Stehplatz oder man läuft. 250 km laufen ist jetzt nicht so toll, außer mein Arbeitgeber legt dieses Jahr nicht mehr so wahnsinnig viel Wert auf meine Anwesenheit. Ich bezweifle, dass er es toll fände, wenn ich sagen würde “ich bin dann mal weg”, also muss ich doch Bahn fahren…

Ingolstadt, Richtung Nürnberg: ich ergattere zunächst einen “Sitzplatz” unterhalb der Gepäckablage, sitze also quasi IN der Gepäckablage. Jetzt weiß ich auch, wieso ich deutlich abgenommen habe: um mir den flauschigen Platz mit einem Koffer teilen zu können. Es passt also ein Koffer und ein Eul und ein Koffer in die neumodischen Gepäckablagen am Ende eines Abteils. Auch eine Erkenntnis. Und seitdem ich mit der Bahn fahre – was ja schon ein paar Jahre anhält – weiß ich auch, was “Aufstieg” heißt: vom Gepäckstück zum Passagier: Gepäckablage vs. Sitzplatz. Der letzte freie im ganzen Zug, nachdem mal einer ausstieg. I got it.

“Der Ausstieg befindet sich rechts”: Englischsprachige Mitreisende und ein grauhaariger, etwas älterer, aufgeschlossener Typ, Marke “Weltenbummler” haben auch keine Sitzplätze bekommen. Eine ausländische Mitbürgerin und ich sind schon aus dem Abteil auf den “Flur” gegangen. Da stehen wir nun, inmitten von englischsprechenden Leuten und eines Weltenbummlers, bei denen eine ausgelassene Stimmung herrscht. Augenblicke einer Reise. Wir blödeln mit. Ich blödele mit. “What does ‘hug’ mean in your language?” – Ich hab’s schon wieder vergessen. Es fing mit “M” an, und war etwas länger. Eine slawische Sprache würde ich sagen. “Umarmung” wurde schnell verballhornt zu “Umarmor” und Gelächter folgte. War ganz lustig. Leider zu selten. Aber das sind die Augenblicke, in denen ich es mag mit dem Bummelzug zu fahren. “Augenblicke”, anders kann ich es nicht in Worte fassen.

Next Train.

Nürnberg, Richtung Würzburg: Zug kommt an. Wieder mal keine Punktlandung möglich: der Zug hält nicht, wo es eingezeichnet ist.. Der Zug ist kurz, die Menschenmenge lang. Man kommt als einer der ersten rein, und dennoch bekommt man nur noch einen Platz in der Guppenkuschelklasse: Klasse 2, Abteil für Kinderwägen, Fahrräder und Schreihälse. Das Abstellgleis des Regional Express, wenn man so will. Bestrunkene Betrunkene, Jugendliche, und einige wenige Verzweifelte. Wir sitzen am Boden. Ich und noch ein schwarzgekleideter, etwas nerdig ausguckender Kerl. Lächeln. Flüchtige Blicke. Keiner von uns sagt was. Wir sind gefangen in unserer eigenen Welt. Oder, um es in den Worten des älteren, grauhaarigen Mitreisenden zu sagen “You’re lost in your own universe. The door stands between you and the rest of the world. You can’t change it”. Ja, nun, da mag er recht haben… Augenblicke. Solche sind mir nur wesentlich lieber als diese besoffenen Jugendlichen in dem Abteil. Es stinkt nach Bier. Sie lallen, sie stinken, sie sind – “far, far away” (from MY universe)

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