Chronologie der Zeitungsartikel:
- Neuburger Rundschau, Ausgabe 58, Samstag, 10. März 2007, S. 25 – “Videoüberwachung in Neuburg? – Umfrage”
- Neuburger Rundschau, Ausgabe 59, Montag, 12. März 2007, S. 25 -”Klares ‘Ja’ zur Videoüberwachung”
- Neuburger Rundschau, Ausgabe 61, 14. März 2007, S. 25 – “Anlieger wollen keine Kameras”
Klares „Ja“ zur Videoüberwachung:
Für mich ist das Ergebnis, dass die Bürger Videoüberwachung wünschen, nicht verwunderlich, denn es wurden Totschlagargumente wie „mehr Sicherheit“ und „Verhinderung von Vandalismus“ gebracht. Aussagen, die in Zeiten zunehmender Gefahr eine immer größere Rolle spielen und auf offene Ohren stoßen, weil die Verunsicherung wächst. Das Leben ist nun mal kein Zuckerschlecken und dass Gefahr bereits besteht, sobald man die Haustüre verlässt (im Haus natürlich auch) wird dabei verkannt – es könnte einem außerhalb des Hauses ein Dachziegel auf den Kopf fallen und der Mensch sterben, aber dafür gibt es keine Absicherung. „Vandalismus“ dagegen wird mit Videoüberwachung und Co. bekämpft – einem System also, bei dem die Aufklärung erst im Nachhinein stattfinden kann – wenn denn der Täter bekannt ist und die Videoüberwachung ein brauchbares Bild zur Erkennung liefert – was sich z.B. nachts (also zu dem Zeitpunkt, an dem die meisten „Vandalen“ unterwegs sein dürften) sehr schwierig gestalten dürfte – dafür werden auch tagsüber viele unschuldige Bürger erfasst.
Der „große Bruder“ wird zum Freund, Anlieger wollen keine Kameras:
Wie so schön im Bericht geschrieben wurde, findet oftmals eine Verlagerung der Straftaten statt. Was passiert nun, wenn z.B. am Bahnhof die Anzahl der „Verbrechen“ zunimmt – also eine Verdrängung der Verbrechen auf andere Plätze stattfindet (dass das passiert, belegen Studien und „Live-Beispiele“ in Städten, in denen Videoüberwachung eingesetzt wird)? Folgerichtig müssten diese Plätze dann auch videoüberwacht werden und aus den ursprünglich zwei geplanten Kameras würden mehr und mehr – endet es letztendlich bei einer Totalüberwachung, bei der kein Bürger mehr einen Schritt vor die Haustüre machen kann, ohne von gläsernen Augen erfasst zu werden?
In dem Artikel wurden meiner Meinung nach wichtige Punkte, die eindeutig gegen Videoüberwachung sprechen, nicht genannt – beispielsweise der Punkt, dass Leute, die wissen, dass sie überwacht werden, sich anders verhalten – es gibt diesbezüglich Studien.
Ein wesentlicher Punkt, der gegen Überwachung spricht, ist die Auswertung NACH einer Straftat. D.h. wenn jemand z.B. überfallen, mit einem Messer niedergestochen und dabei getötet wird, wird NACH der Straftat gehandelt, was die Tat für das Opfer nicht ungeschehen macht. Die Angehörigen haben lediglich – im Falle einer Verurteilung – die Gewissheit, dass der Täter nach geltenden Gesetzen behandelt wird. Den Menschen macht es aber nicht wieder lebendig.
Zusätzlich ist diese „Sicherheit“ in der man sich dank der Videoüberwachung wiegt, nur eine Illusion, die bewirken kann, dass man sich unvorsichtiger verhält – schließlich guckt ja ein Mensch zu… Richtig, er guckt zu – und kann im Ernstfall nicht eingreifen, bestenfalls eine Polizeistreife vorbeischicken. (in den meisten Fällen sitzt allerdings kein Mensch hinter den Monitoren; es wird lediglich auf Band aufgezeichnet) Diese ist dann vielleicht 10 Minuten später vor Ort – für das Verhindern einer Messerstecherei ist es dann beispielsweise oftmals zu spät, für das Verhindern einer Vergewaltigung ebenfalls.
Bei der Aufzeichnung kommt wieder die Brauchbarkeit des aufgezeichneten Materials ins Spiel: Kann man an Hand der Kleidung und Statur einen schwarz gekleideten Mann mit Skimaske und Kapuzenpulli auf Fotos erkennen? Hier käme eine Bewegungsmusteranalyse ins Spiel, mit welcher man – bei einer entsprechend großflächigen Verbreitung von Videoüberwachung – bestimmte Auffälligkeiten in der Gangart z.B. herausfiltern und den „Verbrecher“ identifizieren kann. Die alleinige Bewegungsanalyse unseres schwarz gekleideten Täters kann u.U. zu einer Verurteilung eines Unschuldigen führen.
Ist das der Preis, den wir – Bürger einer relativ friedlichen Stadt – zahlen wollen, um randalierende, meist jugendliche „Straftäter“ auf „frischer Tat zu ertappen“, sollte es denn gelingen? – Für mich lautet die Antwort: NEIN, Videoüberwachung in Neuburg ist keine Option und sollte auch in Zukunft keine darstellen. Es sollte ein gesellschaftlicher Ansatz gewählt werden um solche Straftaten zu minimieren und nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen werden – bei einer so geringen Anzahl von Straftaten.
Zusätzliche Informationen:
- [VIDEO] – tagesschau.de: Wundermittel Videokamera?
- [VIDEO] – tagesschau.de: Auf dem Weg zum Big-Brother-Staat?
- [VIDEO] – ccc.de: Automatisierte Videoanalyse menschlichen Verhaltens (englisch)
- [VIDEO] – ccc.de: Videoüberwachung an deutschen Hochschulen (deutsch)
- [VIDEO] – ccc.de: Sicherheit vs. Überwachung (deutsch)
- [VIDEO] – ccc.de: Digitale Bildforensik (deutsch)
- [VIDEO] – ccc.de: Tracking von Personen in Videoszenen (deutsch)
- [VIDEO] – ccc.de: Überwachungsdruck – einige Experimente (deutsch)
- Linksammlung


Kommentare
owl: *neid* Ich glaube das Ruhigste und Dunkelste,...
Mao-B: Dann solltest Du mal hoch auf die friesischen...
owl: Ja, eben, normal… Aber dennoch –...